Die Tour der Unehrenhaften, ihr Mythos und die Diskussion um die Berichterstattung
Die 96. Tour de France neigt sich ihrem Ende. Heute wartet auf den Gesamtführenden und das verbliebene Peleton noch die Tour d´honneur. Die Ehrentour, wie die letzte Tour-Etappe genannt wird, die traditionell auf der Avenue des Champs-Élysées in Paris endet. Die Besetzung des Podiums ist jedoch so unehrenhaft, wie bei fast jeder Tour de France in den vergangenen Jahren. Dieses Jahr stehen auf dem Treppchen mit Alberto Contador, Andy Schleck und Lance Armstrong ebenso berühmte wie berüchtigte Fahrer, die in der Vergangenheit bereits negativ aufgefallen sind.
Bereits den ersten Tour-de-France-Sieg von Contador 2007 bezeichnete der Dopingexperte Prof. Werner Franke als „größten Schwindel der Sportgeschichte”. Der Dopingforscher verweist darauf, dass Contador Kunde des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes gewesen sei und zudem mit Insulin und Asthmamitteln gedopt habe. Man darf gespannt sein, wie Franke den diesjährigen Tour-Sieg des Spaniers bewertet. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass selbst die „große Mediennummer“ Lance Armstrong, wie UCI-Präsident Pat McQuaid den ehemaligen Tour-Dominator bezeichnet, über die Leistungen seines Teamkollegen verwundert ist. „Zu meinen besten Zeiten habe ich über 1700 geschafft. Aber Alberto schafft über 1800″, sagt Armstrong ungläubig über den Antritt von Contador in Verbier, als dieser in einer Stunde 1900 Höhenmeter zurückgelegt hatte.
Dass die diesjährige Tour bislang ohne Dopingfall verlaufen ist, betrachtet der oberste Radlerboss McQuaid als „ein gutes Zeichen“, das „nicht missinterpretiert werden“ könne. Und auch der gefallene Radsportstar Jan Ullrich erteilt den Fahrern seine Absolution. „Alle die da mitfahren sind sauber“, sagte er in einem Interview mit dem Sender Eurosport, der seine Sendezentrale in Paris hat – und das Thema Doping bei seinen stundenlangen Tour-Übertragungen weitgehend ausblendet.
Mit der Tour 2009 erreichte der Sportsender in Deutschland einen durchschnittlichen Marktanteil von 6,1 Prozent. In der Spitze schalteten sogar bis zu 1,18 Millionen Zuschauer ein, um die Etappen auf Eurosport live zu verfolgen. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF erzielten mit ihrer eingeschränkten Berichterstattung einen durchschnittlichen Marktanteil von knapp über 8 Prozent, was einem Durchschnitt von einer Million Zuschauern pro Etappe entspricht. Dies ist eine durchaus erstaunliche hohe Zuschauerzahl, wenn man bedenkt, dass sich einer Umfrage des Sport-Informations-Dienstes (SID) zu Folge über 80 Prozent der Bundesbürger angeblich überhaupt nicht für die laufende Frankreich-Rundfahrt interessieren – trotz oder gerade wegen des Comebacks von Lance Armstrong. Dieser hat bereits angekündigt, auch im kommenden Jahr an der Tour de France teilnehmen zu wollen – dann allerdings mit seinem eigenen Team, dem neu gegründeten amerikanischen Rennstall RadioShack. Auch der Blutdopingfreund Alexander Winokurow, ein alter Ullrich-Kumpel, will nach Ablauf seiner Sperre noch in diesem Jahr zurückkehren und bei der Tour 2010 „das Gelbe Trikot tragen“. Damit ist die ehemalige Radsportfamilie wieder nahezu komplett – die Omertà lebt also.
Ist es daher verwerflich, „über die täglichen verlogenen Dramen, die gefallenen und neuen Helden, die wenig später mit gespenstischer Regelmäßigkeit als Betrüger enttarnt werden“ zu berichten, wie Jens Weinreich bereits vor Jahren mutmaßte? Einerseits ja, denn „(i)m Prinzip ist es so: Wer in Gelb fährt, ist völlig unerheblich“. Andererseits nein, denn für viele Zuschauer scheint „der Mythos nicht zerstört“, wie der Filmregisseur Pepe Danquart in einem Interview mit dem „Freitag“ darlegt. Ihm wird der Mythos jedoch genommen „von denjenigen, die glauben, mir ihr verlogenes Moralgehabe mitgeben zu müssen“. Das Faszinosum der Tour de France ist für Danquart folglich „der Held, der Gott, auch sein Fall, wenn er wieder Mensch wird“.
Die einen – beispielsweise Eurosport und SpOn – pflegen den Mythos und machen die Helden indem sie stundenlang live über die Dramen der Rundfahrt berichten und dem geneigten Zuschauer Liveticker, Flash-Animationen, Etappenberichte und Fotoserien zur Verfügung stellen. Die öffentlich-rechtlichen Sender und kritische Medien, wie einst beispielsweise auch die Berliner Zeitung, können dagegen durch investigative Berichterstattung dafür sorgen, dass der Held wieder Mensch wird. Es sind also die Seppelts und Schwagers der Medienwelt, die das Faszinosum der Tour de France komplettieren.
Kategorien: Doping, Radsport |
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Juli 26th, 2009 at 15:04
Den Grundgedanken dieses Artikels kann ich sehr gut verstehen – dass weitergemacht wird wie bisher und vor allem Dopingproblemen die Augen einfach verschlossen werden sollte nicht mehr zeitgemäß sein.
Für mich ist es unverständlich, dass das ZDF als Konsequenz weniger TdF zeigt (zwar ist dies – nach dem, was ich mitbekommen habe – mehr Zufall als Absicht, die Intetion, dem Doping so eine Absage zu erteilen, ist aber gerade nach dem Rückzug von vor wenigen Jahren nicht zu verkennen). Auch dies ist doch nur eine Art des Wegschauens – eine richtige Diskussion wäre meiner Meinung nach angebrachter (und damit meine ich nicht dieses pure Doping-Ansprechen der letzten Jahre, die eigentlich nichts an Licht brachten). Dass obendrein der vermeintlich sauberere Sport Triathlon gezeigt wurde steigert meine Verwunderung.
Natürlich wäre es überaus naiv zu glauben, alle Fahrer dieses Jahr seien sauber. Dennoch sollte man dem Radsport (der im Gegensatz z.B. zum Triathlon die Dopingproblematik wenigstens kennt) – wie ich finde – nicht Absagen erteilen, sondern versuchen, der Sache endlich auf dem Grund zu gehen. Dazu bräuchte es die Mithilfe vieler: Der wirklich sauberen Fahrer (so es die denn gibt), der Organisatoren, der Fernsehanstalten und auch eines Herrn McQuaid, der in meinen Augen immer unglücklicher agiert und mehr und mehr Teil eines immer intransparenteren Systems wirds, statt Licht in die Angelegenheiten zu bringen.
Juli 26th, 2009 at 16:34
Ja, Triathlon anstelle von Radsport ist in der Tat amüsant. Aber bildet irgendein Leistungssport wirklich eine Ausnahme?
Juli 26th, 2009 at 16:58
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