Handball, Sport der Merkwürdigkeiten

Der Handballkenner und Journalist Erik Eggers hat sich das Rückspiel im Finale der Handball-Champions-League zwischen BM Ciudad Real und dem THW Kiel vor Ort angeschaut. Auf dem Weg nach Ciudad Real sind ihm am Madrider Bahnhof Atocha zwei serbische Herren aufgefallen, die von einem Spanier überaus herzlich empfangen wurden. Miguel Angel Amigo hatte auch allen Grund, freundlich zu Slobodan Visekruna und Zoran Stanojevic zu sein. Nicht nur, weil er beim BM Ciudad Real als „Direktor Internationale Beziehungen“ fungiert und die freundliche Betreuung von Schiedsrichtern sein Job ist,  sondern weil das Duo Visekruna/Stanojevic natürlich nicht aus touristischen Gründen unterwegs nach Ciudad Real war. Der Zweck ihrer Reise: Die Leitung des Rückspiels gegen Kiel, in dem Ciudad Real einen Fünf-Tore-Rückstand aufzuholen hatte.

Dass neben Journalisten auch Kieler Fans den Spanier Amigo bei der Ausübung seines Jobs in Madrid beobachteten, war diesem laut Eggers nicht geheuer, weshalb er sich bei Abfahrt des Zuges zumindest in einen anderen Waggon setzte als die beiden Unparteiischen. Schließlich hat die Europäische Handball-Föderation (EHF) vor den Viertelfinals im April erklärt, die Schiedsrichter würden künftig erst zwei Stunden vor Anpfiff bekannt gegeben. Auf diese Weise sollte ein Zeichen gesetzt werden, dass es der Verband ernst meine mit der Aufklärung der plötzlich bekannt werdenden Skandale um Schiedsrichterbestechungen in internationalen Handball-Wettbewerben.

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Dort war in der Champions League zuvor ein Vorgehen üblich, das geradezu einlud zu Korruption:

“Bislang werden die Unparteiischen in der Champions League zwei Wochen vor den Spielen von der Europäischen Handball-Föderation (EHF) nominiert. […]In der Champions League erhalten die Schiedsrichter ihre Reisekosten erstattet und eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 400 Euro. Für die Betreuung der Referees inklusive Unterbringung und Freizeitprogramm sind die gastgebenden Vereine zuständig.”

Gerd Butzeck, Lobbyist der 16 europäischen Handball-Topklubs, kam diese jahrelang übliche Praxis im März 2009 auf einmal auch komisch vor. Deshalb bezeichnete er dieses Vorgehen damals im Sportgespräch des Deutschlandradios – Titel: “Gut geschmiert ist halb gewonnen – die Käuflichkeit des Handballs” – als “systemisches Problem” (ab 4:42) und räumte ein, dass diese Prozedere in keiner anderen Sportart üblich sei. Die Verantwortung dafür schob er freilich der EHF zu.

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Es liegt auf der Hand, dass sich Schiedsrichter angesichts der vergleichsweise geringen Aufwandsentschädigung1 empfänglich zeigen könnten für Sporttaschen voller Dollar. Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass sich die Unterbringung und Gestaltung des Freizeitprogramms sowie der Umfang etwaiger Gastgeschenke vor dem Rückspiel auch nach dem Ausgang des Hinspiels richten könnte, vor dem sich der Grad der Schiedsrichterbetreuung wiederum nach dem erwarteten Rückspielergebnis gerichtet haben könnte.2 Und es liegt auch auf der Hand, dass ein ähnliches Vorgehen in anderen Bereichen als unmoralisch und inakzeptabel gelten würde.

Lauter Zufälle

Doch wie ernst es die EHF mit ihrer Korruptionsbekämpfung tatsächlich meint, jetzt, wo die Aufregung um die von Eggers aufgedeckten Spielmanipulationen des THW Kiel im Jahr 2007 wieder abgeklungen ist, lässt sich an den vielen Zufällen ablesen, die Eggers rund um das Final-Rückspiel im “Tagesspiegel” notiert hat. Als da wären:

1. Vor dem Finalrückspiel gegen den THW Kiel, in dem Titelverteidiger BM Ciudad Real einen Fünf-Tore-Rückstand aufholen musste, hieß es von seiten der EHF plötzlich, die Schiedsrichter sollten doch schon einen Abend vorher bekannt sein, und sie sollten bei einem Essen mit beiden Vertretern aus beiden Klubs „Atmosphäre schnuppern“.

2. Die beiden Serben hatten bereits das Halbfinal-Rückspiel zwischen Kiel und den Rhein-Neckar Löwen geleitet, was Reiner Witte, Präsident der deutschen Handball-Liga (HBL), wie folgt kommentierte: “Deswegen finde ich die Ansetzung unmöglich, denn ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass ein Schiedsrichterpaar, das bereits ein Halbfinale geleitet hat, im Finale nicht noch einmal aufläuft.”

3. Die serbischen Referees standen bereits unter Korruptionsverdacht. Vor dem von ihnen geleiteten Viertelfinalrückspiel 2007 zwischen dem VfL Gummersbach und Valladolid (32:34) soll ein Mittelsmann dieses Spiel den Gummersbachern für 50.000 US-Dollar angeboten haben. Die lehnten ab und schieden aus.3

4. In der zweiten Halbzeit, als Ciudad Real zwischenzeitlich neun Tore zur erfolgreichen Titelverteidigung fehlten, ahndeten die Schiedsrichter zwei klare Regelverstöße nicht. Diese führten statt zu Zeitstrafen zu Toren für die Spanier.

5. Die angeblich geheimen Schiedsrichteransetzungen sollen angeblich schon eine Woche vor dem Rückspiel von einer serbischen Zeitung veröffentlicht worden sein.

6. Der schwerreiche Ciudad-Präsident, der laut Eggers einst eine eigene Europaliga gründen wollte, soll seine Beziehungen zur EHF in den letzten Wochen wieder deutlich verbessert haben.

Diesen von Eggers aufgeführten Merkwürdigkeiten lassen sich noch weitere hinzufügen. Beispielsweise die, dass der Chef des Handball-Weltverbandes IHF, Hassan Moustafa, unter den ohnehin nicht gut beleumundeten Spezialdemokraten an der Spitze der großen Sportverbände aufgrund seiner Machenschaften eine exponierte Stellung einnimmt – und beim morgen beginnenden Wahlkongress in Kairo wohl dennoch wiedergewählt wird.4 Oder die, dass der sid in seiner Final-Meldung pflichtschuldig darauf hinwies, der THW Kiel stehe unter Verdacht, sich seinen Champions-League-Titel 2007 erkauft zu haben. Das ist zweifellos korrekt, aber wohl nur die halbe Wahrheit.

Spanische Dominanz

Ohne hier irgendetwas beschönigen zu wollen: Wenn man dem “Spiegel”5 glaubt, ist die Kieler Bestechungspraxis ein Resultat des verlorenen CL-Endspiels 2000 gegen den FC Barcelona, als die letzten 10 Minuten des Rückspiels derart offensichtlich zugunsten der Katalanen verpfiffen wurden, dass sogar die spanischen Journalisten beschämt lachen mussten. Beim THW sei nach Barcelonas dubiosem Triumph die Erkenntnis gereift, der Titel sei auf legalem Weg nicht zu gewinnen.

2007 klappte es endlich mit dem Sieg, gegen den Bundesliga-Rivalen SG Flensburg-Handewitt. Angeblich waren die Schiedsrichter bestochen. 2008, im Finale gegen die Spanier von BM Ciudad Real, wollten Schwenker und Serdarusic laut “Spiegel” auch wieder auf Nummer sicher gehen. Doch die Schiedsrichter lehnten das Geld ab – weil Ihnen die Spanier zuvorgekommen waren, wie Serdarusic später mutmaßte. Ciudad Real gewann das Rückspiel in Kiel, wie es auch das Rückspiel 2009 mit der nötigen Tordifferenz gewonnen hatte, diesmal dank eines bemerkenswerten 6:1-Endspurts.

Es mag ein weiterer Zufall sein, aber seit 1994 kam der Champions-League-Sieger einmal aus Frankreich, einmal aus Slowenien, zweimal aus Deutschland6 – und zwölfmal aus Spanien. Zwischen 1996 und 2000 hatte der FC Barcelona ein Titelabonnement, in den vergangenen vier Jahren ging der angeblich nur durch Bestechung erreichbare CL-Titel dreimal an den schwerreichen BM Ciudad Real.

An das Gute glauben

Nun kann man natürlich annehmen, nur der THW Kiel habe im Handball bestochen und dabei die Meldungen mehrerer Schiedsrichtergespanne7 ignorieren, die seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den THW über Bestechungsversuche in europäischen Wettbewerben berichtet haben – bislang ohne Konsequenzen durch die EHF. Das kann man glauben und sich dabei mit einem Blick in andere Sportarten beruhigen, schließlich wurde 1998 auch ausschließlich im Festina-Rennstall mit Epo gedopt, hat in der Formel 1 nur McLaren-Mercedes die Konkurrenten ausspioniert, hat im Pferdesport einzig Ludger Beerbaum die Grenzen des Erlaubten jahrelang hemmungslos überschritten, dopen im Biathlon nur die Russen, ist der Radsport nicht komplett verseucht, sind Jamaikas Sprinter einfach nur hoffnungslos talentiert und die Häufung von Zahnspangen einem gesteigerten Interesse an Zahnkosmetik geschuldet, tut es Werner Goldmann wirklich aufrichtig leid, ehrlich.

Zu den serbischen Rückspiel-Schiedsrichtern 2009 hat Andreas Lesch in der “Berliner Zeitung” übrigens eine weitere Anekdote notiert. Vor dem bereits erwähnten Europapokalspiel zwischen Gummersbach und Valladolid 2007 sollen sich die beiden Referees über ein zu schlechtes Hotel beschwert und angeblich eine Einkaufstour durch die Kölner Innenstadt erwartet haben.

EHF wie IHF

Während sich die EHF gegenüber Eggers nicht zur Abschaffung der Zwei-Stunden-Regel für das Finalrückspiel äußern wollte, hatte Lesch mehr Glück. EHF-Wettbewerbsmanager Markus Glaser ließ ihm gegenüber bewusst offen, ob die Regel künftig wieder angewandt werden soll. Denn, so die überzeugende Begründung: “Wir müssen ja ein Vorgehen wählen, das wir ins normale daily business einbauen können, eine Lösung, mit der wir 24 Spielorte betreuen können – und das nur bei den Männern. Der Aufwand ist natürlich enorm.” Das andere Profi-Sportarten diesen logistischen Aufwand schon seit Jahren problemlos bewältigen können, ist der EHF offenbar nicht bekannt.

Auch EHF-Generalsekretär Michael Wiederer zeigte gegenüber der “BLZ” eine äußerst lasche Einstellung in Sachen Korruptionsbekämpfung und wollte nichts Verwerfliches am wieder eingeführten Abendessen mit den Schiedsrichtern erkennen – jetzt, wo sich der Staub wieder gelegt hat und die EHF still und heimlich zu ihren alten Verhaltensweisen zurückzukehren scheint.

Schwenker mischt weiter mit

Da passt es ins Bild, dass sich just am Mittwoch der wegen nicht ordnungsgemäß verbuchter Zahlungen über rund 150.00 Euro offiziell zurückgetretene Kieler Manager Uwe Schwenker in der “Sport Bild” zu Wort gemeldet hat. Neben Vorwürfen gegen die Ligakonkurrenz aus Mannheim und Hamburg8, denen er gezielte Störfeuer gegen den Klassenprimus vorwirft, gibt Schwenker auch einen interessanten Einblick in die knallharte interne Aufklärung der Manipulations-Affäre beim THW Kiel.

So räumt Schwenker, gegen den die Kieler Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue ermittelt und dem die THW-Gesellschafter das Vertrauen entzogen haben wollen, freimütig ein: “Ich wickle bis zuletzt die Transfers ab und habe auch Gespräche mit potenziellen Neuzugängen geführt, derzeit beschäftige ich mich fast ausschließlich damit, den THW bestmöglich aufzustellen. Der Abschied fällt schwer.” Angst, dass dies die HBL stören oder dem Image des Handball-Rekordmeister schaden könnte, hat Schwenker offensichtlich nicht. Schließlich hatte der THW nach Schwenkers Rückzug Anfang April bereits mitgeteilt, der Manager werde bis Ende Juni noch für die Hilfe bei der Abarbeitung seiner Aufgaben zur Verfügung stehen. Im Handball nennt man das wohl Transparenz.

  1. In der Fußball-Bundesliga wird ein Schiedsrichter pro Partie mit 3.600 Euro entschädigt. []
  2. Laut Butzeck steht der Heimverein immer vor dem “Problem”, entweder zuviel oder zuwenig zu tun. []
  3. Als vor wenigen Wochen bekannt wurde, dass die deutschen Schiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich nach dem Final-Rückspiel im Europapokal zwischen dem siegreichen russischen Klub Medwedi Tschechow und BM Valladolid mit 50.000 Dollar im Gepäck vom russischen Zoll aufgegriffen worden waren, zeigten sich die Spanier ehrlich entrüstet und verlangten, dass ihnen der Titel zugesprochen werden müsse. Zudem forderten sie eine finanzielle Entschädigung wegen entgangener Einnahmen sowie eine lebenslange Sperre für die ihre Unschuld beteuernden deutschen Schiedsrichter. Valladolids Begründung: “Sie haben dem Ansehen des Sports und vor allem des Handballs geschadet.” []
  4. Natürlich mit den Stimmen des Deutschen Handball-Bundes. []
  5. Der inzwischen das Interesse an den Manipulationen im Handball wieder verloren hat. []
  6. Vor dem THW Kiel gelang 2002 dem SC Madgeburg der Sieg in der Champions League. Der damalige SCM-Manager Bernd Hildebrand hat freilich nicht den allerbesten Ruf. []
  7. Die, wie es der Zufall will, ausschließlich aus Nord- und Mitteleuropa kommen. An osteuropäische Schiedsrichter scheint man mit Verschiebungswünschen nicht heranzutreten. []
  8. Zumindest im Fall der Hamburger scheinen die Vorwürfe nicht gänzlich unbegründet. Man darf sich nämlich durchaus fragen kann, warum Andreas Rudolph, der Präsident des HSV Hamburg, sein Wissen um Kiels Bestechungspraktiken erst Ende März 2009 öffentlich gemacht hat. Davon gewusst hat er bereits seit Juli 2007, als Schwenker vor ihm von seinen erfolgreichen Bestechungspraktiken geprahlt habe. Der oben erwähnte Handballfunktionär Gerd Butzeck, der sich im März 2009 plötzlich über die seltsame Schiedsrichterbetreuung im Handball wunderte, soll damals übrigens auch Gast auf Rudolphs Finca gewesen sein – jener Butzeck, der schon 2004 einen Bestechungsversuch an die EHF gemeldet haben will und der deshalb auch im Rausch getätigte Bestechungsgeständnisse ernst nehmen müsste. Eigentlich. []

Kategorien: Handball, Korruption, Sportpolitik |

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