
Tour de France 2006 – nach der Ära Armstrong, vor dem Prolog. Der Startschuss erfolgt in Straßburg, der selbsternannten Hauptstadt Europas, mit 270.000 Einwohnern jedoch zumindest die Hauptstadt der französischen Region Elsass. Jan Ullrich gilt als Favorit, Ivan Basso als sein größter Gegner. Doch zum Duell der beiden Kronprinzen von Lance Armstrong wird es nicht kommen – das Dopingnetzwerk um den spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes fliegt kurz vor dem Tourstart auf. Mindestens 58 Radrennfahrer sind in die Dopingaffäre verwickelt, darunter neben „Rudis Sohn“ Jan Ullrich auch Ivan „Birillo“ Basso, der damalige Teamkollege von Jens Voigt beim dänischen Team CSC.
Erinnerungen an die Skandaltour 1998 werden wach, als die Tour de France aufgrund der Festina-Affäre kurz vor dem Abbruch stand. Doch Ausreißerkönig Voigt, der unter seinem Teamchef Bjarne „Mr. 60 Prozent“ Riis auf seine alten Tage erstaunlicherweise noch zu einem Bergkönig und Zeitfahrspezialist gereift ist, lässt diesen Vergleich nicht gelten: “Damals waren zwanzig Fahrer in den Skandal verwickelt, diesmal sollen es ja 58 sein.” Für einen kurzen Moment verliert der Berliner Radprofi die Contenance und fordert mit Blick auf seine dopenden Kollegen im Stile eines Inquisitors: “Zieht sie raus und werft sie auf den Scheiterhaufen.”
Voigt´sche Lobeshymne auf einen Dopingsünder
Inzwischen ist Voigt 38 und altersmilde. Seine aktive Karriere neigt sich dem Ende. 2010 wird der Sieger der Deutschlandtour 2006 wohl zum letzten Mal bei der Tour de France an den Start gehen. Er betrachtet es daher als „ein tolles Ziel, nur Teil dieser Maschinerie, Teil dieses Uhrwerks zu sein, das perfekt funktionieren muss, um einem der Schleck-Brüder zum Tour-Sieg zu verhelfen.“ Zudem freut sich Voigt auf ein Wiedersehen mit Ivan Basso, der nach Ablauf seiner Dopingsperre inzwischen für das italienischen Team Liquigas fährt: „Ivan war ein Teamkamerad von mir, und ich habe ihn kennengelernt. Er ist der netteste, freundlichste, loyalste Mensch, den man sich vorstellen kann. Von daher kann ich ihn nicht verdammen. Er hat seinen Preis bezahlt, er hat ausgepackt, er hat seine Strafe abgesessen.“
Warme Worte für einen Dopingsünder – doch wer in der Radsportfamilie bleiben will muss sich an die Gesetze der Omertà halten und darf es mit der Wahrheit nicht zu genau nehmen. Basso nämlich bestreitet noch immer, jemals gedopt zu haben. Er habe solche Manipulationen nur vorgehabt, nicht aber ausgeführt.
Seine eigene berufliche Zukunft hat Voigt bereits fest im Blick. Wie viele seiner ehemaligen Kollegen will auch Voigt dem dopingverseuchten Radsport treu bleiben und nach seinem Karriereende im Management seiner dänischen Mannschaft unter dem Dopingsünder Bjarne Riis arbeiten. Die Omertà lebt also auch 2010 weiter!